Muster durchbrechen - neue Kreativität finden - Probleme lösen - Mit systemischem Denken zum Erfolg

 

 

 

von: Alfred Mack

Carl Hanser Fachbuchverlag, 2016

ISBN: 9783446449756 , 200 Seiten

Format: ePUB, PDF

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 21,99 EUR

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Mehr zum Inhalt

Muster durchbrechen - neue Kreativität finden - Probleme lösen - Mit systemischem Denken zum Erfolg


 

2 Systemische Prinzipien


Die Auswahl der systemischen Prinzipien folgt keiner übergeordneten Logik. Ansonsten wäre das Anliegen einer unvoreingenommenen Auseinandersetzung mit den Prinzipien nicht mehr umsetzbar. Dies soll eine individuelle Auseinandersetzung aus den ureigensten Prägungen sicherstellen. Eine übergeordnete Logik würde diesen Prozess verfälschen. Die Auswahl erfolgte allerdings nicht beliebig, sondern ist Ergebnis einer langjährigen Auseinandersetzung mit systemischem Denken. Die beschriebene Vernetzung der Prinzipien untereinander macht die strukturelle Geschlossenheit transparent und zeigt Trainingspfade auf. Überlegen Sie, welche Frage sich aus Sicht eines Prinzips an die anderen systemischen Prinzipien stellen lässt. Individuelle Erweiterungen und Veränderungen der Aussagen sollten sich einer eigenen strukturellen Geschlossenheit stellen. Auch sind die einzelnen Prinzipien weder vollständig noch widerspruchsfrei beschrieben.

Zu den einzelnen Aussagen gibt es meist eine Vielzahl vertiefender wissenschaftlicher Literatur. Da eine Anregung zum eigenständigen Denken sich selbst in Frage stellen würde, wenn sie sich auf andere beruft, wurde hier auf Literaturhinweise verzichtet. Gehen Sie selbst auf Entdeckungsreise! Dies auch mit dem Hintergrund, dass die Aussagen meist auf Erfahrungswissen fußen, oft sehr altes Erfahrungswissen. Die Prinzipien beschreiben immer nur Aspekte, nie etwas in der Gesamtheit oder Ausschließlichkeit. Die inhaltlichen, thematischen Freiräume sind eine Anregung, Erfahrungen aus dem individuellen Trainingsprozess neben das hier Beschriebene zu stellen.

Die systemischen Prinzipien sind allgemeine Aussagen, die sich aus dem Modell der Systemischen Wirkungsausbreitung ableiten. Sie sind Ausdruck einer spezifischen Realitätssicht. „Systeme“ können dabei Sozialstrukturen sein, wie Organisationen, Unternehmen oder Familien. Ebenso können wir hier Individuen mit ihrer inneren Vielfalt als System ansehen. Die Erläuterungen sind wegen der einfacheren Formulierung teilweise auf Organisationen ausgerichtet, lassen sich jedoch analog auf Individuen übertragen.

2.1 Das „Wie“ entscheidet, wie das „Was“ wirkt

Die Art der Handlung bestimmt dominant die Wirkung der Handlung.

Als Eingangsbeispiel kann uns hier die Aufgabe dienen, einen Nagel in die Wand zu schlagen. Je nachdem, wie wir die Aufgabe bewältigen, haben wir einen Nagel in der Wand, müssen die Wand neu vergipsen oder brauchen einen Verband. Das hat auch etwas mit der Fähigkeit im Umgang mit den Werkzeugen zu tun. Darüber hinaus mit der Achtsamkeit für die mögliche Stromleitung in der Wand, unserer Energie, mit der wir auf den Nagel schlagen, und unserer geprüften Vorstellung über die Wand selbst. Mit genügend Kraft bekommen wir den Nagel gebogen oder die Wand klein. In einer dünnen Gipsplatte wird der Nagel anders eindringen und halten, als in einer Mauer oder gar in einer Betonwand, wo sich kein Nagel mit einem Hammer reinschlagen lässt. Achtsamkeit, Energie und realitätsnahe Wirkungsvorstellungen sind im Beispiel die zentralen Begriffe für das „Wie“ der Nagelaufgabe, welche die Wirkung unseres Handelns bestimmen. Die mechanische Fähigkeit, mit Hammer und Nagel umzugehen, reicht nicht aus!

Dieses systemische Prinzip unterscheidet zwischen etwas Objekthaftem, dem „Was“, und damit verbundenen Attributen, dem „Wie“. Den Attributen wird dabei ein dominanter Einfluss auf die Wirkungen zugeschrieben. Wirkung hat immer etwas mit Dynamik und Veränderung zu tun. Im Beispiel stehen Hammer und Nagel allgemein für Werkzeuge und Materialien, für Methoden und Verfahren, für Vorgehensmodelle und Abläufe usw. Dies alles ist notwendig, um dem „Wie“ Wirkung zu ermöglichen. Eine Begrenzung auf kognitive Fähigkeit eignet sich nicht, um planvoll wirksam handeln zu können. Dabei ist jede Handlung wirksam! Planvoll wirksam ist sie nur, wenn wir transparent und bewusst unsere Achtsamkeit ausrichten, unsere Energien dosieren und unsere Wirkungs­vorstellungen an der Realität prüfen.

Erst die Fähigkeit, selbstbestimmt und bewusst über unsere Realitätsvorstellungen zu verfügen, ermöglicht planvolles Handeln. Diese Fähigkeit betrifft auch die Achtsamkeit sowie die Energien in Form von Emotionen oder Bedürfnissen.

Der morgendliche Ärger im Berufsverkehr hat nichts mit den Kollegen zu tun und hat als emotionale Färbung im „Guten Morgen“ nichts verloren. Wenn die Färbung doch da ist, wird sie wirksam sein, z. B. als unterschwellige Gereiztheit. Die Vorstellung, „alles besser zu können“, wird Anweisungen mit gestalten und damit die Bestätigung für diese Vorstellung schaffen.

Auch die Art der Systemgestaltung, das „Wie“ der Interaktionen und Strukturen, bestimmt das, was darin entstehen kann. So wird z. B. streng hierarchische Kommunikation das Reaktionsvermögen einseitig ausrichten und die Sensibilität für Veränderung spezifisch prägen. Räumliche und funktionale Strukturen werden sich z. B. auf Identifikation und Loyalität auswirken. Die Wirkungsbandbreite von Überwachungen und Sanktionsandrohungen, als weiteres Beispiel, reicht von Überanpassung bis zur Stärkung der Fähigkeiten bezüglich Manipulation und Betrug.

Diese Auswirkungen des „Wie“ können gewollt sein und sich durch geeignete Erklärungsmodelle begründen. Bestimmte Erklärungen beginnen meist mit einem „eigentlich“, dem später dann ein „aber“ folgt. In diesem Fall sind es dann eben die unmotivierten Mitarbeiter, die wählerischen Kunden oder die bösen Wettbewerber, welche die Wirkungen des „Wie“ zu verantworten haben. Daraus resultieren wiederum die Begründungen, welche das „Wie“ rechtfertigen, ohne es zu hinterfragen.

Die bisherigen Betrachtungen sind auch ein Beispiel dafür, wie reflektiert über etwas nachgedacht werden kann, ohne dieses Etwas zu spezifizieren. Was ist in unserem Kontext nun das „Was“ und was ist dann das „Wie“? In der Abstraktion können wir das „Was“ als ein System ansprechen, das wir gestalten oder verstehen wollen, von dem wir ein Teil sind oder ein Teil der Umwelt oder beides. Als Systeme können wir hier die gesamte Bandbreite, von globalen Sichtweisen bis zu Elementarsystemen wie Menschen, von natürlichen bis künstlichen, sehen. Aus der gestalterischen Sicht ist das „Wie“ dann die Art und Weise des Gestaltungsprozesses oder der Selbstorganisation. Aus einer Beobachterrolle ist das „Wie“ die Art und Weise der Betrachtung, der Reflexionsmodelle, des zeitlichen, funktionalen und räumlichen Bezugsrahmens sowie der Analyseverfahren. Als Interaktionspartner wird das „Wie“ über die Relationen zum System geprägt. Dies ist unsere Integration als System, unsere Interaktionen als Teil des Systems, ebenso wie unsere Interaktion mit dem System als Teil von dessen Umwelt. Diese Aspekte des „Wie“ bestimmen weitgehend das, was wir als System wahrnehmen können. Nur das kann in einen Dialog kommen, also für uns Realität werden. Nur das, was in einen Dialog kommt, ist auch im Umfeld wirksam.

Am Beispiel von Gärtnern oder Eltern können wir uns die Begrenzung der Wirkungspotenziale des „Wie“ deutlich machen. Ein Gärtner kann nicht gegen die innere Natur der Pflanzen erfolgreich sein, ebenso Eltern als Primärbezugspersonen bei der Erziehung eines Kindes. Auch die professionelle Ausbildung von Pädagogen oder systemischen Beratern befähigt nicht dazu. Kennzeichnend bei diesen Beispielen ist, dass das „Was“ ein lebendiges, autopoietisches System adressiert und wir als Teil der Umwelt nur mehr oder weniger zuträgliche Randbedingungen schaffen können. Auch als Teil eines Systems, im Unternehmen, in der Familie oder als Mitspieler im eigenen innerpsychischen Konzert werden wir ohne Anerkennung der internen Mechanismen nicht überlebensfähig sein. Aus der Innensicht eines solchen Wachstumsprozesses ist subjektiv zuerst nicht zu erkennen, ob wir nun bildlich gesprochen Tanne oder Eiche sind. Da ist ein Umfeld hilfreich, das die Suche nach der Identität unterstützt. Besserwisser sind in diesem Umfeld fehl am Platz. Erst aus dem Identitätsbewusstsein heraus ist viel Anpassungsfähigkeit ohne Selbstschädigung möglich, denn „Tannen und Eichen“ haben vielschichtige Eigenschaften. Doch auch der beste Gärtner kann aus einer Eiche keine Tanne machen! Er kann nur für Bedingungen sorgen, dass das, was da ist, auch gedeihen kann. Auch in Organisationen können mit dieser Sichtweise umfangreiche Potenziale erschlossen werden.

Vernetzung mit den anderen Prinzipien:

  • Wahrnehmung ist eine Angelegenheit der Selbstbestätigung.

    ? Unsere Art wahrzunehmen bestimmt, was wir als Bausteine für die Konstruktion unsere Realität zur Verfügung heben.

  • Alle Logiken sind logisch

    ? Sinn bekommt unser „Wie“ keinesfalls dadurch, dass wir es mit einer Logik oder einem Modell erklären können.

  • Unsere Realität ist rekursiv vernetzt ? damit chaotisch.

    ? Die Wirkung des „Wie“ durch viele „Wenn-Dann-Zusammenhänge“ des „Was“ zu beschreiben, ist unmöglich.

  • Nichtwissen ist mächtiger als Wissen.

    ? Wenn wir aufhören, nach dem Verständnis vom „Was“ und „Wie“ zu suchen, haben wir aufgehört, es zu verstehen.

  • Handeln orientiert sich an Projektionen von Vergangenem auf die Zukunft.

    ? Projektionen sind immer Reduktionen der Realität. Damit verlieren wir Potenziale, um über das „Was“ und das „Wie“ bewusst zu verfügen.

  • Auch unbekanntes Neues braucht im System eine...