Sag mir, was du kaufst, und ich sag dir, wer du bist - Der Supermarkt als Petrischale der Gesellschaft - Vom preisgekrönten Science-Slammer

von: Jörn Höpfner

Goldmann, 2018

ISBN: 9783641210786 , 224 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: frei

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Preis: 6,99 EUR

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Sag mir, was du kaufst, und ich sag dir, wer du bist - Der Supermarkt als Petrischale der Gesellschaft - Vom preisgekrönten Science-Slammer


 

Kapitel 1

Erste Schritte – Wie ich zur Soziologie fand (oder anders herum)

Wenn man eine Sache verstehen will, sollte man am besten ganz am Anfang beginnen.

Ich wurde an einem Freitag geboren. Das ist für den Vernunftmenschen relativ egal, der Esoteriker jedoch schließt daraus Folgendes: »Du bist eine fröhliche Natur, voller Charme und sehr geistreich.« Das klingt erst mal ganz famos, aber es ist natürlich Quatsch. Tatsächlich fand ich mich in der esoterischen Herleitung meines Geburtstages durchaus wieder, bis ich die anderen Wochentage gelesen habe – und mich da auch wiederfand.

Aber bleiben wir beim Anfang. Genau genommen war es ein Freitag im Jahre 1981. Helmut Schmidt war Kanzler, die Renten scheinbar sicher, und ich wurde mitten hineingeboren in die bis dato schwerste Rezession seit Bestehen der Bundesrepublik.

Passend zur wirtschaftlichen Lage war es ein grauer, regnerischer Morgen, viel zu kalt und viel zu windig für einen Tag im Mai. Mittags brach dann die Wolkendecke auf, der Regen ließ nach, und pünktlich um 14.05 Uhr kam ich im strahlenden Sonnenschein auf die Welt. Ich hab das lange Zeit für eine nette Anekdote gehalten, die meine Mutter gerne zum Besten gab, aber irgendwann fand ich heraus, dass es eine Videoaufnahme von jenem Morgen gibt und die Geschichte tatsächlich stimmte. Ebenso wie der Regen an meinem Geburtstag entpuppte sich auch besagte Rezession als weniger schlimm als vermutet, und eine sonnige, wohlbehütete Zukunft lag vor mir.

Meine Kindheit verlief schon fast stereotypisch. Ich war eines dieser furchtbaren Kinder der Achtziger. Ein Kind der Bonner Republik, der zweite Sohn einer mittelständischen Familie zwischen all den anderen mittelständischen Familien mit ihren zwei Kindern, die niemals Mangel oder Armut erleben mussten. Ein Wohlstandskind der letzten analogen Generation. Geboren in eine sich zusehends schneller wandelnde Welt, aber ausgestattet mit dem unbeirrbaren Glauben an die eigenen, grenzenlosen Möglichkeiten und dem Selbstvertrauen einer Generation, die nach Meinung der Soziologen niemals wahre Niederlagen ertragen musste. Eine Generation, in der Einzelkinder noch Außenseiter waren, die Generation ohne Ritalin und ohne Therapeuten, die Generation des ersten Game Boys, der ersten Playstation und die Generation, welche die Kinderschritte des Internets miterleben sollte.

Meine Schulzeit war die natürliche Konsequenz meiner Kindheit. Ich wählte Freundschaften vor Schulformen, Interessen vor Nutzen, Zufriedenheit vor Erfolg und trieb auf dem Weg des geringsten Widerstandes von einer Klasse zur nächsten, mit einem unerschütterlichen Vertrauen in mein eigenes Glück und das Universum.

Ich muss ungefähr 14 gewesen sein, als ich mich das erste Mal in meinem Leben »methodisch« mit etwas entfernt Soziologischem beschäftigt habe, oder, na ja, was man als Teenager eben unter methodischer Beschäftigung versteht. Wie bei vielen wichtigen Entscheidungen und Entwicklungen in meinem Leben ging es auch bei dieser im Kern um eine einzige Sache: Mädchen.

Zwischen meinem dreizehnten und vierzehnten Lebensjahr war in mir das Interesse am anderen Geschlecht erwacht, und aus Gründen, die ich damals nicht nachvollziehen konnte (auch wenn sie mir heute erschreckend klar sind), standen untersetzte, introvertierte Sensibelchen mit fragwürdiger Frisur nicht so wirklich hoch im Kurs der Damenwelt von 1995. Eine Schande.

Die Lösung für mein Problem erschien mir damals ganz einfach: Verändere einfach deinen Typ – werde jemand anderes! Das klang zwar im ersten Moment leicht, erforderte aber ein wenig soziologische Basisarbeit. Mein Forschungsansatz war simpel, aber effektiv: eine nicht-teilnehmende Beobachtung unter dem schlichten Titel »Finde heraus, auf welchen Typ Mädchen stehen«.

Meine umfassende soziologische Untersuchung erstreckte sich über vier große Pausen und eine Freistunde an insgesamt zwei Tagen. Hätte ich damals bereits auch nur die entfernteste Ahnung von so etwas wie Methodenkritik gehabt, hätte ich wahrscheinlich wohlwollend angemerkt, dass 105 Minuten ein etwas fahrlässig kurzer Zeitraum für ein derartiges Unterfangen sind. Aber sei’s drum.

Am Ende dieser 105 Minuten hatte ich die Wahl zwischen drei Optionen:

Möglichkeit A: Der sportlich-durchtrainierte Schönling

Wohl die einfachste und erfolgversprechendste Wahl. Die Anforderungen waren überschaubar und teilweise sogar schon erfüllt. Hände, Augen und Haare konnte ich durchaus als schön durchgehen lassen, und als Dorfkind hatte ich zumindest ein rudimentäres Talent für Fußball entwickelt. Ein solider Grundstock war vorhanden, aber um diesen Pfad weiter zu beschreiten, hätte ich eine Hürde nehmen müssen, zu der ich einfach nicht bereit war: Training. Damals formte sich in meinem Geist sinngemäß ein Satz, den Patrick Salmen Jahre später in einem fantastischen Poetry Slam unterbringen sollte: »Leute, ich würd ja gern trainieren, aber dafür bin ich zu intelligent, schließlich kann ich schreiben!« Damit war Möglichkeit A vom Tisch.

Möglichkeit B: Der Rüpel.

Bis heute habe ich nicht verstanden, warum die nettesten Mädchen und Frauen oftmals die größten, man verzeihe mir den Begriff, Arschlöcher als Freunde und Ehemänner haben. Fest steht, dass ich bereits mit 14 wusste, dass es als Rüpel einfacher war, Mädchen kennenzulernen. Das tatsächliche Abwägen dieser Option hat dann sicherlich ganze acht Sekunden gedauert, denn damals wie heute bin ich der Überzeugung, dass man Arschlöcher einfach nicht mögen und dementsprechend auch einfach keines sein sollte.

Damit blieb nur:

Möglichkeit C: Der schüchterne, introvertierte, für die Welt ein bisschen zu sensible Teenager.

Das wollte ich aber leider nicht mehr sein. Ich rang mit der Entscheidung, wie mein künftiges Ich aussehen sollte, und traf eine folgenreiche Wahl: Der sensible, introvertierte Kreativling hatte bis dato gute Dienste geleistet, also beschloss ich ihn mit hinüber über die nächste Schwelle zu nehmen und ließ ihn in meinem neuen Ich aufgehen: dem eloquenten, charmanten, witzigen Intellektuellen. Nun ja, zumindest das, was sich ein 14-jähriges Dorfkind darunter vorstellt. Kurz gesagt: Die Idee war gut, die Ausführung brauchte dann doch ein paar Jahre, um zu reifen.

Mein neues, durchaus beliebtes Ich beendete die Schule (vorerst) mit 16 und unternahm einen extrem lehr- und geldreichen Ausflug in die Konzernwelt, der immerhin ganze zehn Monate dauerte. Bis heute habe ich die Stimme meiner Ausbilderin im Ohr, die meinem Vater mit einem schon fast mütterlichen Tonfall zurief: »Jörn ist ein toller Junge … aber er ist kein Kaufmann.«

Ich muss an dieser Stelle sicher nicht weiter ausführen, dass meine Eltern im Lichte rekordverdächtiger Jugendarbeitslosigkeit nicht unbedingt verzückt davon waren, dass ich eine Karriere wegwarf, für die andere ihre Hand oder andere wichtige Körperteile in eine Fritteuse gesteckt hätten, aber mit einigen strikten Auflagen wurde man sich am Ende doch einig.

Nachdem die Wirtschaft (vorerst) aus dem Rennen war, trieb es mich in Richtung akademischer Höhen. Im Spannungsfeld zwischen akademischen Ambitionen und meinem alten, liebgewonnenen schulischen Habitus entschied ich mich für ein übel beleumdetes Gymnasium mit gerüchteweise eigener Schanklizenz, das in dem Ruf stand, nicht die höchsten akademischen Standards bei seinen Schülern anzulegen. Oder wie ein Mitglied des Kollegiums einer benachbarten Schule zu sagen pflegte: »Ein jeder dummer Zwetschenzwerg kriegt Abitur am Bötschenberg.« Rückblickend muss ich sagen, dass ich selten eine bessere Entscheidung im Leben getroffen habe. Hat man erst einmal lange genug in den Abgrund der Lohnarbeit in den Strukturen eines internationalen Konzerns geblickt, erscheint einem jeder Tag in einer Schulklasse mit Gleichgesinnten wie eine Reise an die Ufer eines idyllischen Sees in Mittelitalien im Frühling. Einzig die Umstellung von 1850,– DM im Monat auf 50,– DM in der Woche versetzte dem regenbogenfarbenen Traum der nächsten drei Jahre ein paar hässliche graue Spritzer.

Nach dem Abitur und meiner nachhaltig verstörenden Musterung beschloss ich, dass die Rolle des faulen, feigen Kriegsdienstverweigerers mir relativ gut stünde und sich durch zehn Monate »ehrlicher Arbeit« Perspektiven auftun würden, wie es mit mir nun weitergehen sollte. Wie alle gelangweilten Wohlstandskinder meiner Generation stand am Ende meiner schulischen Laufbahn vor allem eins: Ratlosigkeit. Meine Zivildienstzeit als Parkranger, Holzfäller und Landschaftsgärtner hatte dann mehrere Konsequenzen. Nach drei Monaten konstanter Krankheit war ich danach jahrelang nie wieder krank und – was noch viel wichtiger ist – ich gelangte zu der Erkenntnis, dass mir die kreative Arbeit meines Geistes doch deutlich mehr liegt als das Bauen von Zäunen, das Fällen von Bäumen und das Ausgraben von Flussbetten.

Mittlerweile war es 2002, wir hatten den Euro, und ich begann Politikwissenschaft, Neuere Geschichte und Soziologie zu studieren. Nach einigen Semestern des Experimentierens landete ich schließlich bei dem, was meine Schwerpunkte im Studium werden sollten: Politische Kommunikation, Europa zwischen Napoleon und dem Ersten Weltkrieg und meine geliebte Soziologie, die ich in vielen unterschiedlichen Spielarten und Ausprägungen in die Arme schloss. Dass die Soziologie den Vorzug vor allem anderen erhielt, war in gewisser Weise untrennbar mit der persönlichen Tragik meiner Familie verknüpft. Am Ende des Grundstudiums starb mein Vater an Krebs, und nach einem kurzen,...